Er isst vegan, schläft jedoch in Daunenbettwäsche. 
Sie hat gesagt, sie möchte ab jetzt gesünder leben, geht jedoch nur ein bis zwei Mal die Woche ins Fitnessstudio.
Außerdem hat sie sich gestern Pizza bestellt, trinkt ab und an Red Bull, wenn sie müde ist, und Kaffee statt Tee.

Eure Kinder sollten etwas studieren, um gut leben zu können, sie wollen jedoch reisen. 
Auf Instagram sollte die Haut perfekt sein, die Zähne weiß und der Bauch flach. Und trotzdem hatte ich gestern ein Bild in meinem Feed, es war ein Selfie, und sie hatte Pickeln und war ungeschminkt. Habe ihr sofort entfolgt.

Auf der Suche nach einem Job nach dem Studium sollte man, um eingestellt werden zu können, bereits mindestens ein Jahr Berufserfahrung mit sich bringen. Das heißt, man hätte bereits im Studium mit Praktika und Hospitationen beginnen sollen. Allerdings ging es sich zeitlich nicht aus, es musste doch nebenbei gearbeitet werden, um die schöne Wohnung zu finanzieren. 


Die Welt besteht aus Sorgen, Vergleichen, Gutmenschen und besseren Menschen. 
Es ist unmöglich, Schritt zu halten, denn Perfektionismus wird vorgelebt, verlangt, ja sogar vorausgesetzt.

Die beste Basis für ein gestörtes Selbstbewusstsein ist Social Media. Überflutet von wunderschönen Körpern, Reiseeindrücken und nahezu identisch eingerichteten Ikea-Wohnungen will man ständig mehr und Besseres. 
Zufrieden zu sein mit dem, was man hat, reicht nicht mehr. 
Der Trend ändert sich täglich, man sollte immer wieder nachkaufen, umstrukturieren. 
Was soll ich essen, was ist gesund, wie oft soll ich zum Sport, wie soll ich mich heute kleiden, wie soll ich mich schminken und, vor allem, wie soll ich nebenbei Geld haben um schön zu reisen, schön zu wohnen? Wie schaffen das alle anderen?

An einem Tag sollte man sich ausschließlich pflanzlich ernähren, doch am nächsten Tag ist es wieder unumgänglich, Fleisch zumindest teilweise zu sich zu nehmen. 
Wie bereits Michael Buchinger in seinem Buch erwähnte, ist der Trend der Superfoods entweder lebensnotwendig oder gar lebensgefährlich (Beispiel Chiasamen). Es gibt nichts dazwischen, keine Balance, keine Ausgewogenheit. 

In einer Welt, oder um genauer zu sein, einer Scheinwelt, in der Perfektionismus vorgelebt wird kann und wird man nicht glücklich werden. 
Vor meinem Studium wusste ich nicht, was ich studieren sollte, trotzdem studierte ich etwas, um dem Standart der heutigen Gesellschaft gerecht zu werden. Glücklicherweise wählte ich ein Studium, dass ich jetzt, nach Abschluss des Studiums und Einstieg ins Berufsleben,  ethisch vertreten und mit dem Herzen ausleben kann. 
Trotz alledem stehe ich ständig im Konflikt mit mir selbst, denn gerade jetzt, wo die Selbständigkeit derart modern geworden ist, wo junge Menschen eigene Unternehmen starten, komme ich mir oft faul und feige vor. 
Warum kann ich das nicht? Wieso habe ich keine Idee, bin ich dafür nicht talentiert? 

Versteht mich nicht falsch, denn ich finde es schön, dass junge Menschen Großes schaffen wollen und mutig sind, etwas zu riskieren. Ich bewundere diese Menschen.
Doch man sollte sich zu Herzen nehmen, dass dies nicht Standart ist, es ist weder selbstverständlich noch normal, sich anzupassen und Selbiges zu machen. 
Man muss nicht wie die anderen sein, um glücklich zu werden, man muss sich nicht verausgaben, um “Etwas” zu sein. 

Traurigerweise lässt einem die Gesellschaft oft nicht das sein, was man ist.
Nehmen wir das Beispiel der Ernährung.
Ich hatte jahrelang einen sehr hohen Fleischkonsum, hatte viele Milchprodukte täglich zu mir genommen und verstand die Menschen nicht, die tierische Produkte meiden. 
Irgendwann kam für mich der Punkt, an dem ich mich unentschieden habe.
Ich hatte beschlossen, zuhause keine tierischen Produkte mehr zu halten. Dennoch sagte ich mir von Anfang an, dass ich sehr wohl tierische Produkte essen werden wenn sie entweder direkt vom Bauernhof stammen oder es keine andere Möglichkeit gibt. Dies passiert übrigens höchstens einmal im Monat.

Besuche ich meine Familie oder meine Freunde, so möchte ich nicht, dass sich meine Mitmenschen wegen mir informieren müssen was ich essen “darf”, ich möchte nicht, dass jemand wegen meiner Ernährung Umstände hat.

Doch was passiert, wenn man “so” lebt, wie ich es tue?
Ich werde als “Veganerin” abgestempelt, und wenn ich dann einmal etwas esse, was tierische Inhaltsstoffe hat, so wird mir vorgeworfen, dass dies doch nicht vegan sei. 
Koche ich mir wiederum, wie fast täglich, mein Essen vor, dann wird sich oft darüber lustig gemacht, dass dies ja kein echtes Essen sei, keine echte Bolognese, kein echtes Chili “con carne” etc. 

Ich denke, ihr merkt, auf was ich hinaus will. Der Perfektionismus wird nicht nur vorgelebt, er wird verlangt und man wird verurteilt, wenn man bestimmte Kriterien der Wahrnehmungswelt anderer Menschen nicht erfüllt. 

Es wäre schön, wenn die Menschen wieder anfangen, jede/n so leben zu lassen, wie er oder sie es möchte. Solange keine Fremdgefahr besteht, und die besteht bei der Entscheidung zwischen Burger oder Acaibowl bestimmt nicht, sollte jeder Mensch sein eines und einziges  Leben, das er hat, frei leben können.
Individualität und Vielfalt finde ich toll, interessant und spannend.
Jede einzelne Person ist auf einer eigenen Weise spannend. 

Und zu guter Letzt ist nichts perfekt, nichts und niemand, und das ist das Wunderschöne auf dieser Welt. 

Ich danke jedem und jeder für’s Durchhalten und hoffe, dass dieser Post nicht zu dramatisch geworden ist, habe nämlich unterm Schreiben Mumford & Sons gehört und werde da immer sehr “deep”. 

Alles Liebe, 
Ana